Letztes Update: 11. December 2017

Presse

Hier wurde rund um die Uhr gezupft
Donnerstag, 01. Mai 2003
Einen wahren Marathon der Zupfmusik gabs im September: In St. Wendel wurde nonstop gespielt

Am 27. und 28. September trafen sich in St. Wendel Zupfmusiker aus dem gesamten Saar-Lor-Lux-Raum, um das Jubiläum des Bundes für Zupf- und Volksmusik des Saarlandes (BZVS) gebührend zu feiern.

-Von VOLKER PETER-

St. Wendel. Es gab Zupfmusik rund um die Uhr - 30 Stunden lang, an einem Stück. Der Grund: Der Bund für Zupf- und Volksmusik des Saarlandes (BZVS) feierte am letzten Septemberwochenende sein 50-jähriges Bestehen. Deshalb hatte es in St. Wendel einen wahren Marathon der Zupfmusik gegeben. Die Konzerte waren für kleine und große Zupfmusikfreunde geeignet, fanden im Saalbau, im Mia-Münster-Haus, in der Evangelischen Kirche und in der Wendlinus-Basilika statt.
Mit den Kleinen ging's los. Für sie gab's am Samstagnachmittag das Kindermusical "Hoppel der Schneehase", bei dem über 80 Jungen und Mädchen auf der Bühne mitwirken. In den Nachtkonzerten von Samstag auf Sonntag standen Jazz- und Bluesrhythmen auf dem Programm. Viele Zupfmusiker spielten sonntags zum Frühstück in vier St. Wendeler Gaststätten.

Der Marathon der Zupfmusik war die Idee des Dirigenten des Bliesener Zupforchesters Michael Anton. Anton ist auch der musikalische Leiter des Festivals. "Das St. Wendeler Land ist ein Mekka der Zupfmusik", erklärte Josef Schuh, Vorsitzender des Saarländischen Zupforchesters und Festivalleiter in St. Wendel. Das St. Wendeler Land sei ja bereits für Marathons in Kultur, Sport und Radsport über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Schuh: "Darum trafen sich am 27. und 28. September Zupfmusiker aus dem gesamten Saar-Lor-Lux-Raum, um das Jubiläum des BVZS zu feiern."
Schuh ist auch Mitbegründer des BZVS, also ein Mann der ersten Stunde. Er erinnert sich gerne daran, als junge Akteure der Zupf- und Volksmusik des St. Wendeler Landes 1953 den BZVS in Bliesen gründeten. Bereits 1954 habe der so entstandene Verband in Oberthal sein erstes Bundesmusikfest gefeiert. Den ersten Mandolinen- und Gitarrenlehrgang mit dem Komponisten Konrad Wölki führte der Verein zu dieser Zeit in der Jugendherberge Tholey durch. Ein weiterer Höhepunkt war im Herbst 2001 das Zweite Europäische Mandolinen- und Gitarren-Festival, auf dem sich in Konzerten und Musikkursen internationale Orchester und Künstler begegneten.

"Heute erfreuen wir uns über 60 Ensembles im Verband und einen nie da gewesenen Boom von Nachwuchsspielern mit großem Interesse", freute sich Thomas Kronenberger, Präsident des BZVS. Die Sommerkurse in der Landesakademie für musisch-kulturelle Bildung in Ottweiler seien jährlich ausgebucht, und die beiden Landesorchester (SZO und SJZO) könnten auf 70 aktive Musiker zurückgreifen. Kronenberger ist stolz auf das gute Abschneiden saarländischer Zupfmusiker beim Bundeswettbewerb "Jugend musiziert". Kronenberger: "Die Teilnehmer zeigen, dass die Ausbildung im Fach Mandoline und Gitarre im Saarland auf einem sehr guten Fundament steht." So seien in diesem Jahr sieben Landessieger, je zwei zweite und dritte Preise auf Bundesebene erspielt worden. Nicht nur für junge Leute biete der Zupfmusikverband ein interessantes Betätigungsfeld, sondern auch die Seniorenarbeit werde seit Jahren mit Überzeugung gepflegt. So träfen sich zum jährlichen Bundesmusiktreffen der "jungen Alten" bis zu 600 Teilnehmer, verbringen einen ganzen Tag mit Zupf- und Volksmusik. "Bis das saarländische Seniorenorchester gegründet wird, ist nur noch eine Frage der Zeit", so der Präsident.

Samstagsabends dann der große Festabend im Saalbau St. Wendel. Hier präsentierte sich die saarländische Zupfmusikszene von ihrer besten Saite. Während die Zuhörer still den leisen, sanften Klängen lauschten, setzten beispielsweise der Auftritt des Mandolinenorchesters Urexweiler mit dem Jugendchor Ligamentum Vocale im "Gefangenenchor" oder Markus Lauers lupenreines Spiel besondere Akzente. Höfische Tanzmusik des Saarbrücker Gitarrenensembles wechselte mit romantisch-lyrischen Melodien zum Träumen, aber auch Unterhaltungsmusik kam nicht zu kurz. Zu den Orchestern gesellten sich Sänger und Rhythmusinstrumente, teilweise sangen die Mandolinen- und Gitarrenspieler auch selber zu ihrer Musik, wie in der Urexweiler Seniorengruppe. Traditionelles Volksliedgut ließ sich durch den gesangsähnlichen Klang der Mandolinen hervorragend wiedergeben und bei den Seemannsliedern des Zupforchesters Hüttigweiler oder mitreißenden Tanzrhythmen der Beckinger und Alsweiler Vereine glitten flinke Finger gekonnt über die Saiten.

Eine Nacht sollte im Mia-Münster-Haus und in der Evangelischen Stadtkirche musiziert werden. Würden die Liebhaber der Zupfmusik bis zum frühen Morgen durchhalten oder die Musiker vor leeren Reihen spielen? Eine Stunde nach Mitternacht. Marcel Adam und seine Begleiter im Mia-Münster-Haus. Der lothringische Barde hat über 80 Zuhörer vom Saalbau, dort war am Abend die zentrale Festveranstaltung, ins Mia-Münster-Haus gelockt. Unter den Besuchern des Nacht-Konzertes auch Landtagspräsident Hans Ley. Marcel Adam präsentierte seine Musik locker, mit einer gehörigen Portion Eigenironie. Südamerikanische Rhythmen und lothringische Mundart, begleitet von einem Solo-Gitarristen und einem Akkordeonisten gerieten sehr folkloristisch. Adam zeigte keine Berührungsängste mit der Musik anderer Völker, holte mit einem feurigen Flamenco die spanische Sonne ins Mia-Münster-Haus. Sehr helltönende, durchscheinende Klangfarben erzeugten die Musiker, indem sie die Gitarre mal aus der Hand legten und dafür auch mal Ukulele spielten. Ein Heiterkeitserfolg war die musikalische Geschichte des Jodelns in Lothringen. "Mir hann das Jodele in Lothringe erfunn, so um das Johr 1600 erumm", das Publikum lacht und jodelte mit. In der Tradition der Liedermacher stand "Liane", die Geschichte einer Prostituierten. Nach dem Verklingen des Schlussakkords zunächst Totenstille, dann der Applaus. Auch eine echte Bühnenpremiere bot Adam. In seinem neuesten Weihnachtslied erzählte er die Geburt Christi aus Sicht der Tiere. Klar, dass nach einer guten Stunde Marcel Adam seine Interpretation "Von guten Mächten" und eine Version von Nenas "Wunder geschehn" viele begeisterte Zuhörer in die Nacht schickte.
Andere hatten aber noch nicht genug von der nächtlichen Musik. Immerhin schafften noch 70 Zupfmusikfreunde den Weg über den Schlossplatz in die evangelische Kirche. Dort wartete bereits David Qualey. Der Deutsch-Amerikaner setzte sich mit Gitarre und zwei, drei Spickzetteln bewaffnet vor die Fangemeinde und fing an zu spielen. Er improvisierte, variierte. Kam auf sein Anfangsthema wieder zurück. Er entlockte der Gitarre so viele Töne und Klänge, dass man mit geschlossenen Augen zwei Instrumente zu hören glaubte. Seine Stücke stammen aus eigener Feder oder sind interessante Variationen bekannter Werke der Pop-, Rock-, Blues- und Ragtime-Musik. Die Zuhörer waren begeistert. Eine musikalische Wanderung durch Irland lud zum Träumen ein. "Seid ihr noch alle wach?", fragte Qualey in die Runde. Ja, wach waren noch alle, doch die verträumten Gitarrenweisen ließen sich eben mit geschlossenen Augen genießen. Zwischen den Gitarrenvorträgen bot Festivalleiter Josef Schuh zum Nachdenken anregenden Texten. Plötzlich war's vier Uhr.
Im Mia-Münster-Haus hatten sich Susan und Martin Weinert, das Duo Synergy, bereitgemacht. Eine Tasse Kaffee im Nachtcafé im Mia-Münster-Haus belebten die müden Geister. Weiter belebend auch die lockere ungezwungene Präsentation der Weinerts. 20 Zuhörer waren um 4.30 Uhr noch zu Jazzmusik zu bewegen gewesen, machte auch hier die Zupfmusik Spaß. Anregende Harmoniegebilde, aufreibende Rhythmik, dazu virtuose Beherrschung der Instrumente, Martin Weinert Kontrabass, Susan Weinert Gitarre. Cremige Bassläufe korrespondierten mit krisper Jazzgitarre - Susan Weinert hatte noch ein paar elektronische Effekte hinzugeschaltet, gestaltete orchestrale Eindrücke. Vielen Zuhörern war die lange Zupfnacht nun doch schon anzusehen. Synergy dagegen gab derweil volle Energie, das Musikerpaar spielte mit einer Leichtigkeit als ob es nicht frühester Morgen sondern angenehm früher Abend wäre.

Der Sonntag begann mit einem musikalischen Frühstück. Im Hotel "Luise", dem Cafe "Journal", der Brasserie "Wendelin" und dem Cafe "Platane" sorgten das Ehepaar Ossipov und Ricardo Sandoval für die zupfmusikalische Unterhaltung der Frühstücksgäste. Vormittags ließ der Regen rechtzeitig für die Open-Air-Volksmusik der Urexweiler Musiker nach, sodass die Volkstanzgruppe in Tracht doch noch trockenen Fußes am Fruchtmarkt ihre schönen Tänze vorführen konnte. Zum Nachtisch glänzten "Jugend musiziert"- Preisträger Martina Hümbert, Marion Kiefer und Daniel Lubos mit anspruchsvollen Werken. Besonders virtuose Leckerbissen bescherten zum Ende Gäste aus Luxemburg und Metz. Faszinierend experimentell setzte das Ensemble 92 den griechischen Todesfluss Styx um. Vor mehr als 200 Zuhörern beschlossen die hessischen "Monsters" mit mitreißenden Rocktiteln einer grandiose Bühnenshow den gelungenen Marathon.
 
 
   
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